Treffen mit Frau Ronke

„Heil Hitler“ statt „Guten Tag“

Bei einem Treffen mit unserer Zeitzeugin Frau Ronke im Rahmen unseres Projektes hat sie uns freundlicherweise viele Fragen zu ihrem Leben beantwortet. Sie führte uns in den Gesprächen zurück in ihre Schulzeit.

Frau Ronke besuchte die Gertraudenschule in Dahlem. Sie ist heute eine Mittelschule. Die Volksschule war hinten in Dahlem-Dorf, wo die Museen sind. Es war die 4. Volksschule, weil man sie vier Jahre besuchen musste, um dann nach einem Examen auf die hohe Schule zu kommen, das Lyceum. Alle Mädchen gingen dort hin. Frau Ronke begann mit Englisch, der Sprache des Feindes und ihr Bruder begann mit Griechisch und dann Latein. Englisch hat er nie gehabt.

Da ihre Mutter es nach zahlreichen Bombenangriffen in Berlin zu gefährlich fand, in die Schule zu gehen, schickte sie ihre Tochter zu einer Tante nach Stolp.

Frau Ronke erzählte uns, dass die Schule in Stolp eher strenger war als in Berlin. Es lag daran, dass in diesem kleinen Ort viele Nazis untergebracht waren und dort noch alle an einen Sieg Deutschlands glaubten. Während sie sich in Berlin in der Schule über das Aussehen Hitlers, besonders über seinen Bart, lustig gemacht hatten und ein „Hitlergruß“ zu Beginn der Unterrichtsstunde eher halbherzig gemacht wurde, wurde in Stolp erwartet, dass man sich standesgemäß mit einem „Heil Hitler“ begrüßt. Ein einfaches „Guten Tag“ auf der Straße wurde nicht akzeptiert.

Sie selbst ist Hitler nie begegnet oder hat eine Rede von ihm gesehen. Sie fand ihn auch als Person nie interessant oder gutaussehend. Vielmehr schwärmten sie selbst und ihre Klassenkameradinnen eher für die Jagdflieger und die U-Boot-Kapitäne. Sie sahen auch einfach besser aus.

Hitler war für sie nur der „Führer“, er musste also ein guter Mensch sein. Sie sprach auch zu Hause mit ihren Eltern nicht über Politik. Ihre Mutter war Hausfrau und politisch nicht besonders interessiert und ihr Vater war Physiker bei Osram. Leider hat sie nie erfahren, was ihr Vater über Hitler dachte. Sie hätte ihn gerne danach gefragt, jedoch ist er nicht aus der Gefangenschaft zurückgekehrt. Das bedauert sie sehr.

Auch mit ihrer Mutter gab es später wenig Gespräche über Hitler. Sie sagte immer, sie sei ja Hausfrau, sie hätte sich nicht viel kümmern können. Frau Ronke hat nie erfahren, ob ihre Eltern nun wirklich für Hitler geschwärmt haben oder sie ihn als guten Führer empfunden hatten oder doch schon seine vielen Nachteile sahen. Zum Schluss natürlich, 1945 oder auch schon Ende 1944, waren alle Menschen dagegen. Es war klar, dass der Krieg zu Ende ging und sie wütend waren, dass der Krieg nicht schneller beendet wurde, sondern bis zum letzten kläglichen Ende verlief. Da schimpften alle auf Hitler.

Lediglich im Verlauf des Krieges bekam Frau Ronke mit, dass sich die Stimmung ihrer Eltern gegenüber Hitler geändert hatte. Sie kannte ihren Vater ja kaum, da er sehr früh in den Krieg eingezogen wurde. Und wenn er einmal auf Urlaub zu Hause war, wurde nicht darüber gesprochen. Meistens saßen dann auch nur die Erwachsenen zusammen und die Kinder spielten. Früher war man länger Kind als heute. Aber 1945, als ihr Vater in Berlin war, hörte sie ihn auch einmal sagen, dass der Krieg verloren ist und er schnell beendet werden soll. Als dann auch noch das Haus, in dem die Familie wohnte, zerstört wurde, hatte er überhaupt kein Verständnis mehr für den Krieg und Hitler. Viele waren auch traurig, dass das Attentat nicht gelungen ist. (Anmerkung: Attentat von Stauffenberg auf Hitler am 20.07.1944)

Obwohl viele Menschen darüber wütend und traurig waren, es hätte sich keiner getraut, ein weiteres Attentat auf Hitler zu verüben. Die Folgen für die Familie wäre vermutlich der Tod gewesen.

Frau Ronke konnte sich auch nicht erklären, weshalb nur ihr Haus zerstört wurde, sie gingen davon aus, dass die Gegner das Luftgaukommando, das gegenüber stationiert war, treffen wollten.

Zu Kriegsende war Frau Ronke 15 Jahre alt, erzählte sie uns. Sie wussten zwar, dass der Krieg beendet war, aber sie hatten Angst vor dem Einmarsch der Russen. Man hatte von denen nichts Gutes gehört. Sie hofften, dass zuerst die Amerikaner oder die Engländer nach Berlin kommen würden.

Vom Führer wusste man zu diesem Zeitpunkt nichts, nur dass er aufgrund der Kriegsniederlage ein schlechter Führer war. Es gab schließlich keine Zeitung und kein Radio mehr. Das Datum 08.Mai wurde erst später als Kapitulationsdatum gekannt.

Frau Ronke und ihre Mutter schlossen sich einem Professor an, der Russisch konnte. Sie fanden in Schlachtensee ein leerstehendes Haus, da sich der Eigentümer das Leben genommen hatte. Dort lebten sie nach Kriegsende mit 6 Familien zusammen als Wohngemeinschaft und schliefen im Keller. Sie fühlten sich sicher, weil sie zu mehreren Familien waren und sie den Professor hatten, der russisch sprach.

Besuch bei Frau Ronke zu Hause

Immer wieder konnte er helfen, indem er in einem ruhigen Ton auf die wütenden Russen einsprach. Ein anderes Mal drangen zwei Russen in das Wohnhaus ein und befahlen, dass sich alle hinsetzen und beim Klavierspielen zuhören sollten. Dazu mussten dann alle tanzen. Einer der beiden Russen holte ein Foto aus der Tasche und erklärte allen, dass er so unheimlich stolz auf seine deutsche Frau sei, die das Bild zeigte. Die Russen waren sehr an Uhren interessiert und verlangten mit einem lauten „Uhri, Uhri“ nach ihnen. Uhren hatten die Bewohner aber nicht, da sie diese bereits anderen Russen abgeben hatten. Darauf wurde einer der Russen sehr wütend und warf seine Pistole auf den Tisch. Die Mutter von Frau Ronke hatte noch ein kleine Uhr versteckt, die sie ihm anbot, um auch ihre Tochter zu retten. Heimlich begleitete sie sie in den Keller und blieb dort.

In der Zwischenzeit holten die Mitbewohner einen Offizier und der Professor konnte ihm erklären, was vorgefallen war. Dieser nahm dann die beiden Soldaten mit. Man muss wissen, dass Stalin zur Belohnung des Sieges allen Soldaten erlaubt hatte, drei Tage lang ohne Einschränken machen zu dürfen, was sie wollten. Diese drei Tage waren aber bereits abgelaufen. Da waren alle froh.

Leider berichtete Frau Ronke weiter, dass sie aber nicht ganz unbeschadet den Einmarsch der Russen erlebt hatte. Die ersten russischen Soldaten, die nach Berlin kamen, waren noch sehr nett. Sie wollten lediglich wissen, ob jemanden im Hause versteckt war oder noch Pistolen vorhanden waren und gingen dann wieder.

Die nächsten Russen aber, das waren ganz einfache Russen, gegen sie konnte man nichts machen. Sie nahmen sich, was sie wollten. Sie missbrauchten zahlreiche Frauen, leider auch sie. Ihre Mutter versuchte noch, ihr zu helfen und wurde beiseite geschubst. Da war nichts mehr zu machen und es war geschehen. Frau Ronkes Mutter wurde verschont, darüber ist sie glücklich gewesen.

Um sich vor weiteren Übergriffen zu schützen, machten sich die beiden hässlich und legten sich ins Bett, um den Russen dann weinend zu erzählen, dass das Kind krank sei. Frau Ronke hatte als Kind einen Radunfall gehabt, bei dem sie ihre Zähne verloren hatte. Um hässlicher auszusehen, nahm sie die künstlichen Zähne ebenfalls heraus. So blieben sie verschont. Danach mussten sie das Haus verlassen.

Frau Ronke sagte, dass sie dies alles nicht vergessen kann, obwohl das sehr lange her ist. Vermutlich hatte sie es deshalb auch nochmals ganz genau in ihren Aufzeichnungen aufgeschrieben, berichtete sie weiter. Es sei ihr bis heute ein Rätsel, weshalb sie das getan hat, aber sie glaubt, dass dies wohl raus musste.

Danach ist sie mit ihrer Mutter in die Ihnesstraße gezogen. Sie lebten dort in einem 6-Parteienhaus in einer zweieinhalb-Zimmer-Mansardenwohnung, da ihr Haus ja zerstört worden war. Sie waren froh, dass sie in der Nähe bleiben konnten. Dort haben sie dann mit den Möbeln, die sie retten konnten, zu Dritt gewohnt. Später haben sie dann teilweise ein Zimmer vermietet, da sie die Miete nicht bezahlen konnten, und trotzdem waren sie dankbar, diese Unterkunft zu haben.

Als junger Mensch ist Frau Ronke viel ins Kino gegangen, denn Tanzen und eine Tanzschule waren verboten. Erst 1947 hat sie in einer Tanzschule das Tanzen gelernt. Im Krieg wurden viele Filme gedreht, um die Leute frisch und bei Laune zu halten. Filme mit nettem Gesang, z. B. mit Zarah Leander. Schon damals ging sie in die heute noch bestehenden Kinos „Bali“ und „Capitol“. Sie konnte sich auch noch daran erinnern, dass sie im März 1945 mit ihrer Tante im Kino war und zwischendurch ein Alarm kam. Sie sind dann alle in einen Bunker nebenan geflüchtet und nach Alarmende wieder in den Kinosaal zurückgekehrt, um den Film zu Ende zu sehen.

Theater und Oper wurde nach Kriegsende auch wieder schnell eingeführt. Dazu haben die Russen viel beigetragen.

Frau Ronke wurde vor dem Kriegsende mit 15 Jahren eingesegnet. Da sie kein Einsegnungskleid hatte, hatte sie sich eins von der Tochter ihrer Tante, die in Potsdam wohnte, geborgt. Die Einsegnung fand in der Jesus Christus Kirche in Dahlem statt. Da es in der Kirche zu kalt war, musste im kleinen Gemeindesaal gefeiert werden. Es war sehr feierlich und es störte kein Alarm, erzählte sie uns lächelnd.

Auf unsere Nachfrage, ob man damals einen Freund haben durfte, erklärte sie, dass es fast gar keine Männer gab, da sie ja alle in den Krieg eingezogen waren. Sie selbst hatte im Alter von ungefähr 14 Jahren eine nette Gemeinschaft mit Jungs und Mädchen vom Arndt Gymnasium. Mit denen hat sie ganz harmlos gefeiert oder auch Sport gemacht. Ihr Freund hieß Heini. 1944 wurden dann aber die Jungs ebenfalls eingezogen. Heini kam nach der Gefangenschaft dann auch wieder. Aber nach dem Krieg gab es wenig deutsche Jungs. Eher die Amerikaner.

Für die Amerikaner hat Frau Ronke gearbeitet, da ihre Mutter kein Geld bekam. Schließlich musste die Miete bezahlt werden und etwas zu Essen brauchten sie auch. Als man ihrer Mutter eine Stelle anbot und sie ein Jahr Schulpause machen wollte, nahm sie einen Job als Serviererin an. Das war natürlich für sie von der Schule aus eine große Umstellung. Während ihre Freundinnen über ihr Abitur und Hausaufgaben sprachen, lernte sie Teller zu servieren. Sie konnte dann nicht mehr mitreden.

Zuerst nannten die Amerikaner die Frauen bei der Arbeit „Nazi-Gretchen“. Sie waren sehr skeptisch und misstrauisch, sie waren ja die Feinde gewesen. Fast wäre Frau Ronke am Anfang auch gekündigt worden, weil sie nicht immer lächelnd serviert hat. Das mochten die Amerikaner nicht. Da sie aber bleiben wollte, hatte sie sich das angeeignet.

Die Amerikaner waren strenge Arbeitgeber. Es durfte nicht in der Offiziermesse gegessen werden oder Essen mitgenommen werden. Heimlich haben sie das trotzdem gemacht, weil alle zu Hause hungerten.

Leider wurde ihre Mutter nach einem halben Jahr mit etwas Kuchen erwischt und sofort gekündigt. Zum Glück betraf das nicht automatisch auch Frau Ronke, sie durfte weiterarbeiten. Auch sie steckte sich einmal heimlich etwas Marmelade in den Strumpf und beim Rausgehen rutschte es runter, aber zum Glück hatte es keiner gemerkt.

Ihre Mutter wurde danach leider krank und sie konnte nicht mehr arbeiten. Deswegen musste Frau Ronke die ganze Familie ernähren. Ihr Bruder wollte Opernsänger werden und arbeitete nur für seine Ausbildung in einer Apotheke. Zur Miete gab er nichts dazu, deswegen hatten sie auch das Zimmer vermietet.

1946 ist Frau Ronke entlassen worden, nachdem sie ein- oder zweimal zu spät kam. Sie lernte nebenbei noch Spanisch, um nach Spanien zu ihrem Onkel auszuwandern. Später hat sie dann noch einmal im Büro für die Amerikaner gearbeitet.

Inzwischen bekam ihre Mutter nach der Blockade eine Pension von Osram. Damit war für Miete und Lebensmittel wieder ein wenig Geld vorhanden.

Frau Ronke ist nicht wieder in die Schule zurückgegangen, da sie immer arbeiten musste. Später hatte sie auch nicht mehr den Ehrgeiz, das Abitur auf der Abendschule nachzuholen. So hat sie nie einen Abschluss gemacht.

1953 durften sie in ihr Haus zurückkehren. Sie hatten großes Glück, da sie durch den Marshallplan zu Geld kamen, um das Haus wieder aufzubauen. Der Marshallplan besagte, dass sie Kredit bekämen, wenn sie ihr Haus zu 4 kleinen Wohnungen umbauen würden, um Bombengeschädigte unterzubringen. Ihre Mutter und ihr Bruder durften dann in zwei Zimmern wohnen. Frau Ronke selbst war zu dem Zeitpunkt in Düsseldorf. Den Kredit konnten sie mit den Mieten innerhalb von 20 Jahren zurückzahlen.

Mit ihrem Mann, den sie zwischenzeitlich heiratete, kam sie zurück nach Berlin. So leicht kamen sie aber nicht in ihr Haus zurück, da die Wohnungen ja vermietet waren. Sie haben dann diesen Anbau erbaut, in dem wir zu unserem Interview saßen. Sie betonte nochmals, dass ein Aufbau ohne den Marshallplan nicht möglich gewesen wäre.

 

Hiermit möchten wir uns nochmals ganz herzlich bei Frau Ronke für Ihre Offenheit und beeindruckenden Erzählungen bedanken. Sie bleiben unvergessen…

Uns Jugendlichen hat dieses Projekt gezeigt, wie gut es uns in der heutigen Zeit geht.

Wir müssen weder einen Krieg miterleben noch Hunger leiden. Wir haben wirklich alles im Überfluss. Dies weiß ich nach solchen Erzählungen umso mehr zu schätzen.

 

Lisa Baumann

 

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