Interview mit Herrn Rothe

Treffen mit der Vergangenheit

93 Jahre, sechs davon in Gefangenschaft, ab 1950 jahrelanger Dienststellenleiter einer Berliner Zollbehörde, Autor in Selbstverlag und nun sitzt er mit uns bei Keksen und Saft an einem Tisch und plaudert über die alte Zeit. Heinz Rothe. Ein Mann, welcher in seinem Leben mehrere tausend Kilometer zu Fuß zurücklegte und nach drei Jahren als Kriegsgefangener in ein Strafgefangenenlager verlegt und weitere drei Jahre gefangen gehalten wurde. Er geriet von einer Misere in die nächste, doch uns erzählt er seine Version der Geschichte mit einer gehörigen Portion Humor.

Alles begann damit, dass er uns von seiner Jugend beim „Jungvolk“ und später bei der „Hitlerjugend“ erzählte. Er beschrieb diese beiden „Parteiorganisationen“ als vollkommen auf das ausgerichtet, was einen Jungen in dem Alter interessierte. Es wurden Dinge angeboten wie Motorrad fahren, Kleinkaliber schießen oder sogar Segelfliegen. Eben typische Sachen, welche für Jungen in dem Alter attraktiv sind. Das Ganze war zwar in gewisser Weise militärisch geprägt, doch fiel das erst im Nachhinein auf, wenn man beim Einzug in die Armee direkt in die Ausbildung gelangte, für welche man während seiner Zeit bei der „Hitlerjugend“ unwissentlich vorbereitet wurde. Zum Beispiel wurden Jugendliche, die vor ihrer Einberufung Segelfliegen gelernt hatten, für die Luftwaffe empfohlen. Und andere, welche in ihrer Jugend schon das Schießen mit Kleinkalibergewehren erlernt hatten, wurden größtenteils für die Infanterie ausgebildet. Für Heinz Rothe, der seit seiner Geburt in militärischem Umfeld aufwuchs, gab es selbstverständlich keine andere Option als zum Militär zu gehen, um dort Offizier zu werden. Doch dazu sollte es vorerst nicht kommen…

… Als Infanterist nahm er an Gefechten in Polen, Frankreich und Russland teil, wurde danach zum Leutnant und später zum Offizier befördert. 1944 geriet Herr Rothe für sechs Jahre in russische Kriegsgefangenschaft und lernte perfekt Russisch, was ihm später in seinem neuen Beruf als Zollbeamter nützlich war.

Als er nach Jahren als Gefangener der UdSSR zurück nach Berlin kam, wartete seine damalige Freundin auf ihn. Eine Geschichte, wie sie nur das Leben schreibt, auch wenn das Ende einem Hollywood-Film hätte entstammen können.

Der erst seit Kurzem 93-Jährige schrieb vor einiger Zeit ein Buch, welches den Titel „Ich habe überlebt“ trägt und von welchem es aufgrund des Selbstverlags nur 200 Stück „weltweit“ gibt. Exemplare seines Buches befinden sich nicht nur in Deutschland, sondern sie existieren auch in den Vereinigten Staaten und in anderen Ländern. Ich selbst habe auch eines dieser Bücher gekauft und muss sagen, dass Herr Rothe zu den interessantesten Menschen zählt, mit denen ich mich je unterhalten durfte.

Georg Platzöder

 

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